Dienstag, 18. Juni 2013

Eine Schande

Viele Schulkinder können nicht richtig schwimmen. Lange Anfahrtswege, geschlossene Bäder, kaum Beckenzeiten – die versäumten Schwimmstunden können fatale Folgen haben. In Emmerich scheint man dagegen einen Weg gefunden zu haben, die meisten Kinder „schwimmfest“ zu machen.

 Eine Doppelstunde Schwimmen.
So steht es zumindest im Stundenplan. Luis schultert seine Tasche und steigt in den Bus.
Der Neunjährige macht sich mit seiner Klasse auf den Weg zum Schwimmunterricht.
Nach An- und Abreise, umziehen und duschen bleiben ihm 50 Minuten im Wasser – immerhin.
Viele Schulen in NRW fahren deutlich länger zur Schwimmhalle und haben deshalb noch weniger Zeit, den Kindern das Schwimmen beizubringen. Wenn sie überhaupt Beckenzeiten bekommen.
Seit dem tragischen Unfall eines 13-jährigen Nichtschwimmers in Duisburg, der im Rhein ertrank, drängt sich vielen Menschen wieder ins Bewusstsein, wie wichtig es ist, Kindern Schwimmen beizubringen – wobei die Polizei betont, dass auch ein geübter Schwimmer in der Strömung wohl keine Chance gehabt hätte.
Die Zahlen für Deutschland sind nichtsdestotrotz erschreckend. 45 Prozent der Viertklässler schwimmen nicht sicher; knapp ein Viertel hat nicht einmal das Schwimmabzeichen „Seepferdchen“, wie das Ergebnis einer Umfrage der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) von 2010 nahelegt.Und das spiegelt sich auch beim Schwimmunterricht der dritten Klasse aus Neukirchen-Vluyn wider: Während einige Schüler sicher ihre Bahnen ziehen, planschen andere im Nichtschwimmerbereich. Luis übt Hechtsprünge, taucht nach Ringen, krault vor- und rückwärts; einige Mitschüler hopsen im flachen Wasser auf und ab oder spielen Wasserball.„Wir werden in drei Gruppen aufgeteilt. Nämlich in Nichtschwimmer, Schwimmer und gute Schwimmer“, sagt Luis und wischt sich das Wasser aus dem Gesicht. Die Lehrer versuchen, so gut es geht und so vielen Kindern wie möglich Basisbewegungen zu vermitteln. Bäuchlings auf dem Hallenboden, in kreisförmigen Bewegungen die Luft wegdrücken. Einmal in der Woche und das in weniger als einer Stunde.Zwei Jahre WartezeitLuis konnte schon schwimmen, bevor er eingeschult wurde. Seine Eltern haben es ihm beigebracht. Wer sich aber am Ende der Grundschule nicht sicher im Becken bewegen kann, der werde auf der weiterführenden Schule große Probleme haben, weiß Peter Ohms, Sportlehrer an einem Moerser Gymnasium: „Es gibt immer weniger Lehrbecken und qualifizierte Kollegen, um den Kindern das Schwimmen beizubringen. Schwimmunterricht hat überhaupt keinen Stellenwert mehr“, so Ohms.Und das liegt nicht nur am langen Anfahrtsweg. Die Städte Oberhausen, Duisburg, Dorsten und Mülheim bestätigen, dass in den vergangenen Jahren Bäder geschlossen wurden. Darunter hat auch der DLRG-NRW in Düsseldorf zu leiden. Der Verband bekommt ebenfalls nicht immer viele Beckenzeiten, schon jetzt müsse man auf einen Platz in einem Anfänger-Schwimmkurs bis zu zwei Jahre warten, heißt es.Von all diesen Problemen weiß auch Rüdiger Helmich, Vorsitzender des Stadtsportbundes Emmerich – aber das gilt nicht für „seine“ Stadt. Nach Helmichs Angaben hat eine Erhebung in örtlichen Schulen ergeben, dass dort nur 2,6 Prozent der Schüler nicht schwimmen können. „Wegen persönlichem Engagement und gezielten Aktionen“, so Helmich. Ein Spaßbad, Schwimmvereine, eine DLRG-Ortsgruppe, Schulleiter „ohne Angst vor Wasser“ – und nicht zuletzt die Aktion „Spaß im Bad“, an der alle Schulen – einmal pro Jahr – teilnehmen, tragen dazu bei.Ein Jahr muss Luis nicht mehr warten, bis er wieder ins Wasser hüpft. Für ihn geht es Montag wieder zum Schwimmen. Wenn kein Lehrer krank ist und der Verkehr fließt, bleiben den Schülern erneut 50 Minuten. Vielleicht schafft es dann ja der ein oder andere vom Spiel- ins Schwimmerbecken.
 Sinan Sat und Arne Schleef

SOS! Viel zu wenig Seepferdchen | WAZ.de - Lesen Sie mehr auf:
http://www.derwesten.de/region/sos-viel-zu-wenig-seepferdchen-id8055666.html#226996707


Ouelle: www.derwesten.de  11.06.2013

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